Omas & Opas Gegen Rechts schreiben ...

     
   

Omas & Opas gegen Rechts wollen und können zu den geschichtlichen und aktuellen Entwicklungen in unserer Gesellschaft nicht schweigen. Sie sind zu oft und zu lange selber Opfer des Schweigens der 50er und 60er gewesen. Sie wollen sagen, warum sie gegen Rassismus und Faschismus, gegen Antisemitismus Zeichen setzen, dass und warum sie, die Alten, empört sind und jetzt auf die Straße gehen. Sie eint eine an Demokratie und Solidarität orientierte Haltung und die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel.

 

Omas & Opas gegen Rechts  schreiben manchmal auf, was sie bewegt.

     

Texte zum Ende des Zweiten Weltkrieges, dem 8. Mai 1945

Diese Texte sind Beiträge von Omas & Opas Gegen Rechts zu einer Veranstaltung von Fachschaftsaktiven der Uni Hamburg, die auf dem Campus der Uni am 08.05 2020 stattgefunden hat. Hier ein Bericht zu der Aktion.  Die Autor*innen reflektieren, welche Bedeutung der 08. Mai 1945, der Tag des Kriegsendes, in ihrem Leben hatte und hat.

     
    08. Mai 1945 - Tag der Befreiung?
    Von Dörte Schnell

Als Kind hörte ich von meinen Eltern, dass an diesem Tag der Krieg zu Ende ging. Von Befreiung erfuhr ich nichts. Ich hatte Glück. Ich wurde zehn Jahre nach Kriegsende geboren. Ich wusste, dass mein Vater als Soldat im 2. Weltkrieg erst in Frankreich dann in Russland war und von dort in sibirische Kriegsgefangenschaft gebracht wurde. Ich wusste, dass er zweimal schwer verwundet wurde. Ich wusste, dass meine Mutter in Hamburg ausgebombt wurde, dass sie alles Hab und Gut verlor und nicht wusste, wo sie wohnen sollte.

 

Viel mehr wurde über den Krieg  nicht gesprochen. Aber irgendwie war das Thema präsent. Wenn ein Kriegsversehrter an der Tür klingelte, gab man ihm etwas. Einem Zigeuner gab man besser nichts. Ich freute mich im Winter über Schnee. Mein Vater hasste ihn. Gesteppte Winterjacken kamen in Mode. Ich durfte keine haben. Mein Vater konnte sie nicht ertragen.

Ein Kriegskamerad war mehr als ein Freund. Die Weingläser meiner Oma, die bei uns lebte, waren wertvoll, weil sie diese gerettet hatte. Mein Opa starb während des Krieges, weil es keine Medikamente gab. Mein Onkel, den ich ebenfalls nie kennengelernt hatte, wurde mit 16 Jahren kurz vor Kriegsende eingezogen. Er galt als vermisst.

 

Als Kind dachte ich, dass irgendwie ein schlimmer Krieg begann, der am 8. Mai 1945 irgendwie zu Ende ging und dass ganz viele Dinge in meinem Leben irgendwie damit zusammenhingen. Intuitiv wusste ich, dass es besser war nicht zu viele Fragen zu stellen. Ich stellte sie nicht.

 

Erst in der Schule, in der 9. Klasse veränderte sich mein Blick auf den Krieg. Wir sahen den Film „Die Brücke.“ Mit Freunden begannen wir zu diskutieren und ich lernte Widerstandskämpfer kennen und erfuhr vom Holocaust. Es begannen Jahre der Streitgespräche mit meinen Eltern. Eine immer wiederkehrende Frage von mir  war : „Warum habt Ihr nichts dagegen getan?“  

 

08.Mai 1945. Der Tag der Befreiung! Die Deutschen wurden vom Faschismus befreit. Sie haben sich nicht selbst vom Faschismus befreit.

 

Im Februar 2018 gründete ich mit vier anderen älteren Menschen die OMAS GEGEN RECHTS in Hamburg. Ich habe fünf Enkel. Ich möchte von ihnen nie gefragt werden, „Warum hast Du nichts gegen die Rechten getan als Du es noch konntest.“

 

Der 8. Mai 1945 ist der Tag  der Befreiung! Er sollte gesetzlicher Feiertag werden!

 

NIE WIEDER FASCHISMUS !               

     
    Nachkriegskinder gegen Faschismus
    Von EB

Ich wurde ziemlich genau 11 Monate nach dem Tag der Befreiung geboren. Meine Oma sagte: „Gut, dass sie ein Mädchen ist, dann braucht sie nicht in den Krieg zu ziehen“. Ihre beiden Söhne, Mitte 30, waren  tot. Als wir nach Essen zogen, waren  Ruinen mein Abenteuerspielplatz.

 

Schon als Kind lernte ich die ausländischen und auch einige jüdische Freunde meines Vaters kennen und fand das ziemlich spannend. Meiner Mutter konnte ich nicht entlocken, warum sie Mitglied „der Partei“ gewesen war. Im Nähkasten lag  ihr Mutterkreuz.

 

Als Heranwachsende brachte unsere Geschichtslehrerin uns den Unrechtsstaat „Drittes Reich“ nahe. Man munkelte, sie habe der Weißen Rose nahegestanden und ihr Verlobter sei hingerichtet worden. Der Mord an Benno Ohnesorg und die Freiheitsbeschränkung der Notstandsgesetze und der Protest dagegen wurden ein entscheidender Punkt  in meinem Leben. Auch das Wissen um die vielen Nazis, die ungebrochen in Justiz, Politik, Verwaltung u.v.a.m auch das Sagen hatten.

 

Seitdem möchte ich allen Anfängen von Rassismus und Faschismus entgegentreten und ich sehe beklommen, wie seit Jahren die braune Flut wieder zunimmt, in Taten (Morde, Flüchtlingsheime anstecken, Überfälle auf Juden mit Kippa etc.) und Worten („Entvolkung“ finde ich das Schlimmste davon).

 

Lasst uns verhindern, dass ähnliche Verhältnisse entstehen wie Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, wo es von der Machtübernahme bis zur Gleichschaltung mal gerade ein Vierteljahr dauerte!

     
    Der 08. Mai als Tag der Befreiung und Verpflichtung
    Von Monika Dengler

Das Ende des nationalsozialistischen Unrechtsregimes am 08. Mai 1945 ist für mich schon lange ein sehr wichtiges Datum. Während meines Studiums in den 1980er Jahren habe ich mich intensiv mit dem Nationalsozialismus, dem 2. Weltkrieg und diversen Faschismustheorien auseinandergesetzt. Die Vernichtung von sechs Millionen Juden, von Sinti und Roma, Kommunisten, Schwulen und Lesben, die Verbrechen der deutschen Wehrmacht und das Leid all der anderen, die nicht ins Weltbild der Nationalsozialisten passten und allein deshalb so unfassbar gelitten haben, hat bei mir nachhaltig Entsetzen und tiefe Scham ausgelöst.

 

Filme wie z.B. „Shoa“ von Claude Lanzmann, „Aimeé und Jaguar“ von Max Färberböck oder „Unsere Väter, unsere Mütter“ haben mir das Grauen jener Zeit bildhaft vor Augen geführt und unvergesslich gemacht. 

 

Und ich war und bin überzeugt: So etwas darf sich nie wiederholen und dafür tragen wir alle die Verantwortung! 

 

Während meiner Berufstätigkeit hatte ich wenig Zeit und Raum für politische Aktivitäten, doch nun bin ich in Rente. Klar war, ich will aus der „schweigenden Mitte“ heraustreten und meiner politischen Überzeugung Gehör verschaffen. Das Erstarken der Rechten und Rechtsextremen in Deutschland und anderen europäischen Staaten zeugt für mich von einer nicht nachvollziehbaren Geschichtsvergessenheit. Zusammen mit der teilweise hemmungslosen Bösartigkeit, mit der inzwischen öffentlich Abneigungen geäußert und sogar politische Morde begangen werden, lässt mich diese Geschichtsvergessenheit befürchten, dass bei uns Faschismus und Krieg wieder möglich sind. 

 

Auch Hitler ist durch Wahlen an die Macht gekommen! Er wurde von einem guten Drittel der damaligen Bevölkerung gewählt, obwohl er seine Absichten sehr früh deutlich gemacht hat. Da drängen sich nicht nur bei mir Vergleiche mit einer heutigen Partei auf, die gerade ihren extremen Flügel „aufgelöst“, soll wohl heißen: integriert hat. 

 

Ich bin froh, bei einer Demonstration gegen Rassismus auf die OMAS GEGEN RECHTS gestoßen zu sein: Nun kann ich meiner Überzeugung öffentlich Ausdruck verleihen, dass es wichtig ist, die Erinnerung an vergangenes Unrecht und Leid wach zu halten, unsere Demokratie zu schützen und für Menschenrechte einzustehen.

 

Gemeinsam sind wir stärker: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

     
    Was mir der 08.Mai, der „Tag der Befreiung“, bedeutet
    Von Reinhard Langholf

Ich bin 48er: Ich bin nach dem Krieg geboren. Mein Vater war im Krieg Soldat - weit gereist: Frankreich, Italien, Ungarn, Österreich. Seine Eltern waren als Russlanddeutsche in den russischen Revolutionswirren vor und im ersten Weltkrieg nach Ostpreußen geflohen. Mein Vater ist dort in einem Flüchtlingslager geboren. Zwischen den beiden Kriegen ist die Familie nach Pommern und umgesiedelt worden und hat dort eine kleine Landwirtschaft aufgebaut. Zum Ende des 2. Weltkrieges ist die Familie aus "Angst vor den Russen" nach Westdeutschland in das heutige Niedersachsen geflohen. Meine Mutter war im Krieg Krankenschwester. Meine Kindheit habe ich in einem Dorf in der Südheide, meine Jugend in dem nächstgrößeren Ort verlebt. Meine Erinnerungen an meine Kindheit sind unbeschwert in dem Sinne, dass Kinder „so am Rande mitliefen“: Wir waren wenig beachtet und beobachtet, so gesehen: frei. Die Anwesenheit von Militärischem gehörte zum Alltag: Manöver der Briten - ja, ich habe Soldaten um Schokolade angebettelt. Geschützdonner von zwei militärischen Übungsplätzen im Süden und im Norden, im Norden auch ein militärischer Flugplatz und eine Garnisonsstadt, im Osten das Übungsschießen von Rheinmetall. Wenn vom Krieg erzählt wurde, dann waren dies Geschichten von Helden und vom Durchhalten. Auf dem Bauernof, auf dem ich aufwuchs, haben im Krieg russische Kriegsgefangene gearbeitet, später in den 50ern italienische Gastarbeiter. Sonntags war Kirchtag und dienstags kam die Gemeindeschwester ins Dorf und verteilte Jesusbildchen. Vom 10 km entfernten KZ Bergen-Belsen hörte ich das erste Mal im Geschichtsunterricht des Gymnasiums – in der Oberstufe. Mein Klassen- und Geschichtslehrer war Adjutant von Ribbentrop gewesen. Er wurde später in Ehren pensioniert. Mädchen waren folgsam, durften weinen, brauchten kein Abitur, lernten Hauswirtschaft oder Sekretärin. Jungs sollten sich abhärten, nicht weinen, vor allem aber: gehorche - sonst gab's Prügel. Nicht zu vergessen die kriegstraumatisierten Väter: oft verroht und gewalttätig, und die ihnen untertanen Mütter. Nicht zu vergessen: Das Schweigen. Da komm ich her.

 

Ich bin 68er: Vom Dorf in die Weltstadt - vom Regen in die Traufe. Unter den Talaren Muff von 1.000 Jahren. Wissen wollen lernen, Fragen stellen und zu sprechen lernen nach all dem Schweigen. Mehr noch: „Nein!“-Sagen lernen. Dies war für mich der wichtigste zivilisatorische und persönliche Fortschritt dieser Zeit: Ungehorsam zu lernen. Das Recht dazu haben, mitunter auch die Pflicht. Geschichte neu lernen und neue Begriffe und Deutungen für sie: Faschismus, Kapitalismus, Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie… Daraus Haltungen formen, Orientierung also für Ziele und manchmal auch für das Tun. 

 

Ich bin auch: Privilegiert, nämlich männlich, weiß, so mittel gebildet. Ich bin mit dem einen gescheitert, mit dem anderen erfolgreich gewesen. Werde geschätzt oder belächelt. Weiß vieles und vieles gar nicht. Bin stolz auf dies, voller Zweifel in Bezug auf das. Ich bin Vater, ich bin Opa. Ich bin noch vieles mehr...

 

Heute bin ich Opa (gegen Rechts): Ich bin direkter Nachkomme der Generation von Männern und Frauen, die die schrecklichsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit begangen haben. Verbrechen gegen die Menschheit. Meine Kinder fragen: waren unsere Großeltern Nazis? Ich freue mich, dass sie fragen. Ich beobachte, wie – nicht nur im Inneren des Landes und nicht nur in diesem Land – systematisch ausgehöhlt wird, worum ich als eigene Haltung gerungen habe: Solidarität, Demokratie, Antirassismus, Gleichberechtigung.

 

Ich weiß genau: Dass die Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten beendet wurden, ist dem Sieg der Verbündeten über Deutschland zu verdanken, den Franzosen, Briten, Amerikanern, vor allem den Russen. Ihnen danke ich! Ich danke auch den Gewerkschaftern, den Kommunisten, den Sozialdemokraten, und allen anderen, die im Widerstand ihr Leben riskiert und oft geopfert haben. Sie, sofern sie überlebt haben, und natürlich die Überlebenden aus den Konzentrationslagern wurden am 08.05.1945 befreit. Für die meisten Deutschen war das Kriegsende eine Niederlage, schlimmer noch: eine Kapitulation, also eine Unterwerfung gegen überlegene Gewalt. Keine Einsicht, nicht Befreiung. Wo soll da Verstehen, Reue und Sühne Platz finden? Da blieb nur Schweigen. 

 

Ich fordere: Gegen das Schweigen und gegen das Vergessen und als Ausdruck einer Haltung: 

 

Der 08.Mai soll als „Tag der Befreiung“ Feiertag werden!

     
    Tag der Befreiung und was er heute bedeutet
    Von Petra Seemann

Nun, bevor ich eine Antwort darauf gebe, was dieser Tag für mich heute bedeutet, muss ich mir ebenso die Frage stellen, was er mir allgemein bedeutet, denn ohne diesen 08. Mai 45 wäre das "Heute“ nicht so wie es ist. Darüber sollten wir uns alle sehr bewusst sein.

 

Ich bin 16 Jahre nach Kriegsende geboren. Mit meinem zeitlichen Abstand schaut man auf diesen Tag weder mit großen Emotionen noch mit gelebten Erfahrungen und gleichwohl hat die Zeit als auch der 08. Mai 1945. mein Leben nachhaltig beeinflusst. Wie viele Kinder meiner Generation hatte ich Eltern, die die Zeit des Nationalsozialismus mit allen Schrecken und Facetten erlebt haben. So etwas prägt auch nachfolgende Generationen. Und obwohl beide Elternteile emotional anders mit ihrem Leben inmitten eines Krieges umgegangen waren, erschien mir jedoch dieser Tag der Befreiung für beide gleichermaßen wichtig gewesen zu sein. Ich selbst hingegen hatte kein so richtiges Gefühl für diesen 08.Mai 45. Es war eher eine Geschichte unter vielen, die ich als Kind und Heranwachsende öfter als mir lieb gewesen war erzählerisch aufgezwungen bekommen hatte. Das Bewusstsein, um diesen Tag wuchs von Jahr zu Jahr und irgendwann entstand so etwas wie eine leise Liebesbeziehung daraus.

 

Geschichte ist leider nie vorhersehbar. Der 08. Mai ist somit ebenso Zufall, wie der 07. (Pearl Harbour), der 11. September (Twin Towers NY) oder andere geschichtliche Daten. Das irre und witzige an all diesen Daten ist für mich persönlich, dass ich private und schöne Ereignisse damit verbinde. Meine Tochter wurde am 07. Dezember geboren, mein ältester Sohn am 08. Mai und ich selbst habe am 11. September Geburtstag und dennoch komme ich nie drumherum mich auch an deren geschichtliche Bedeutung zu erinnern.

 

Seit 75 Jahren verbinden wir also mit dem 08. Mai den Tag der Befreiung.  Ist er es wirklich? Für mich und Millionen andere Menschen mit Sicherheit. Ohne den Sieg der Alliierten über Hitler- Deutschland, ohne die Ereignisse, die zuvor geschehen waren, wie D-Day am 07. Juni, (übrigens mein kirchlicher Hochzeitstag) wären wir nicht die Menschen, die wir heute sind und sein dürfen. So viel muss jedem bewusst sein. Die Kapitulation Deutschlands war für viele Menschen, rund um den Globus, eine Erlösung, ein Befreiungsschlag vom Joch der Nationalsozialisten und ein Tag des Jubelns. Aber ebenso war es, für die ewig verbohrten und „wahren Anhänger „des totalitären und menschenverachtenden Regimes eine herbe Niederlage und ganz sicher kein Grund zum Freuen.

 

Heute, sind wir um das Wissen reicher, dass, hätten wir den Krieg nicht verloren und Gott sei Dank haben wir ihn verloren, wir nicht in einem freien Deutschland und in einer freien Welt leben dürften. Es gäbe keine Meinungsfreiheit, keine Vielfalt an Nationen, die lieber ein Miteinander als ein Gegeneinander wollen und keine Welt, wie wir sie heute kennen. Selbstredend ist mir bewusst, dass die Ansichten über den 08. Mai regional unterschiedlich sind. Die Kapitulation Deutschlands brachte auch deren Teilung mit sich. Es fehlt mir nicht an menschlichem und politischem Verständnis für die Einwände manch früheren Ostdeutscher zu diesem Tag. Dennoch ändert es nichts an meiner Ansicht. Jeder wird von dem politischen System geprägt, in das er hineingeboren wird. Meines war freiheitlich und demokratisch. Der Zufall wollte es, dass die Stadt in der ich vor 58 Jahren das Licht der Welt erblickte zur englischen Besatzungszone gehörte. Dass, der Russe damals östliche Teile besetzte war gewollt und legitim. Viele damalige Sozialisten und Kommunisten begrüßten den Sozialismus und die Aussicht einen völlig neuen und für alle gerechten sozialistischen Arbeiter – und Bauernstaat zu errichten euphorisierte viele. Was dann über die Jahre daraus geworden ist und sich entwickelt hat, hätte man vielleicht schon früher erkennen und doch nichts dagegen unternehmen können.

 

 Meine Welt und politische Bildung waren eine vollkommen andere, als die im Osten. Willy Brand und Helmut Schmidt waren maßgeblich an meiner politischen Bildung beteiligt. Ein Leben lang werde ich beiden dankbar dafür sein, dass sie kritisch und sozial, wenn auch nicht immer ganz umstritten Deutschland, mich und eine ganze Generation junger Menschen geprägt haben. Das Erbe meiner Elterngeneration, das Wachsen unserer Demokratie, die Begriffe Freundschaft und Gleichheit, und der erste Artikel unserer Verfassung,“ die Würde des Menschen ist unantastbar“ bleiben unumstritten in meinem Gedächtnis bestehen. Der 8. Mai ist ein „Glückstag“ für die gesamte Welt und ebenso ein Mahnmal dafür, dass sich Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Lebensanschauung und ihres gesundheitlichen Zustandes nie sicher fühlen konnten, verfolgt und millionenfach getötet wurden. Etwas, was nie wieder passieren darf und doch scheint es dieser Tag, in den Köpfen mancher unverbesserlichen Anhänger brauner Gesinnung leider wieder salonfähig zu werden.

 

All das plus die jüngsten politischen Ereignisse, der stetig wachsende Rechtspopulismus , die Uneinigkeit in der EU, was die Flüchtlingsfrage und deren menschenwürdige Behandlung und Unterbringung angeht, sind und waren die Motivationsträger dafür mich den „ Omas gegen Rechts“ anzuschließen.

 

Es darf nie wieder einen Tag der Befreiung geben - weder morgen noch irgendwann!

     
    Gedenktag 8. Mai in Deutschland
    Von Rainer Brunath

Den 8. Mai 1945 erlebte ich als fünfjähriges Kind. Meine Erinnerung reicht soweit zurück, in der ich

noch immer die einrollenden Panzer im Dorf meiner Mutter, wo sie sich sicherer fühlte als in der

Großstadt in Westfalen, vor Augen habe. Ich erinnere mich noch an das Heulen fallender Bomben

und an brennende Häuser. Und dann endlich sah ich der Entwaffnung von Wehrmachtssoldaten und

deren Gefangennahme zu. Und ich erinnere mich noch, dass mein Großvater, der Vater meiner

Mutter, das erleichtert kommentierte. Was er sagte, weiß ich nicht mehr, aber die erlöste Stimmung

in der Familie ist mir noch gegenwärtig.

 

In diesem Sinne wurde ich erzogen und als pubertärer Junge suchte ich mir gleichgesinnte Freunde,

die ich in dem Verein Volkssternwarte in Hagen fand. Neben der Beschäftigung mit der Astronomie

gab es auch oft Gelegenheiten für abendliche Gespräche mit dem erfahrenen Vorsitzenden des

Vereins über Sozialwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und deutsche Geschichte. Bei diesen

Gelegenheiten festigte sich meine Überzeugung, dass die Nachkriegsentwicklung die Teilung

Deutschlands festigte, satt das Land zu einer Einheit zu führen. In der Konsequenz war für mich die

entstandene DDR ein eigenständiger Staat wie West-Deutschland.

 

Als dann 1956 der Krieg um den Suez-Kanal ausbrach, war ich erleichtert, dass es die Sowjet-Union es

war, die die Kriegsparteien Frankreich und Großbritannien zur Umkehr zwang und damit Ägypten das

Recht zugestanden wurde, über eigenes Territorium zu verfügen. In der Schule erntete ich mit meiner

Meinung Schmähungen und Verachtung. Das aber nicht nur damit. Mit meinen Erinnerungen über

das Kriegsende und den damit verbundenen Emotionen in meiner Familie, war der 08. Mai für mich

schon von Anfang an ein Tag der Befreiung. Damit versteckte ich mich nicht – z.B. in meiner

Jugendorganisation der Christlichen Pfadfinder. Zustimmung erntete ich nicht. Erst Jahrzehnte später,

als der Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einer Rede zum 08. Mai von der bundesdeutschen

Staatsdoktrin der Kriegsniederlage abrückte fühlte ich endlich eine Bestätigung meiner persönlichen

Ansichten – auch über die Ursachen des Kalten Krieges. Bundespräsident Richard von Weizsäcker

bekam nicht ungeteilte Zustimmung – im Gegenteil: er wurde angefeindet. Und es dauerte noch

einmal bis in die heutigen Tage hinein, dass sich in Deutschland eine deutliche Stimme für die

Auffassung entwickelte, dass der 08. Mai ein Tag der Befreiung war, ein Tag, an dem die Alliierten –

die UdSSR, Großbritannien und die USA - gemeinsam dem Nazi-Regime Deutschlands die Niederlage

bereiteten.

 

2020 können – müssen - wir den 08.Mai von zu Hause aus feiern und gedenken. Gerade heute, in

Zeiten einer heraufziehende weltweiten Wirtschaftskrise, brauchen wir Gedenken und Erinnerung

mehr denn je. Unmäßig verstärkt durch die Corona-Krise sind international Millionen von

Menschen in die Arbeitslosigkeit oder in die Kurzarbeit gezwungen worden - Menschen , die um ihre

wirtschaftliche Existenz bangen und Millionen, die Angst haben vor einem Kollaps des

Gesundheitssystems.

 

Aber schon vor der Corona-Krise waren es Millionen, die arbeitslos, die prekär beschäftigt waren

und sich Sorgen um ihre Existenz machten. Das war nicht gerecht und ist es in der Corona Krise erst

recht nicht. Ja - die Corona-Krise hat die Probleme des aktuellen Wirtschafts- und

Gesellschaftssystems nicht verursacht – Corona verstärkt sie lediglich und macht sie uns bewusst.

Schmeißen wir das aktuelle Wirtschafts-und Gesellschaftssystem auf den Müllhaufen der Geschichte,

überwinden wir 75 Jahre fehlgesteuerte Entwicklung Deutschlands, geben wir dem 08. Mai die

Bedeutung, die ihm gebührt und entwickeln wir gemeinsam ein gerechtes und nachhaltiges

Wirtschaftssystem, das allen Arbeit, Wohlstand, soziale Sicherheit und ein umfassendes und

fortschrittliches Gesundheitssystem garantiert.