Buchbesprechungen

     
   

Alice Hasters

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten

hanserblau, Hanser Verlag GmbH & Co KG, München, 223 S. 17 €

     

Über die Schwierigkeit, als Schwarze Frau eine positive Identität in einem weißen Umfeld zu finden

 

In ihrem Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" schreibt Alice Hasters, dass die häufig gehörte Klage, man sehe ja „keine Deutschen mehr auf der Straße“, eine Klage darüber sei, dass man nicht mehr ausschließlich weißen Menschen begegne.  Ihr erklärtes Ziel ist es, anhand ihrer eigenen Erfahrungen aufzuzeigen, wie dieser Rassismus im Kleinen, im Alltag, mit dem Rassismus im Großen zusammenhängt.

 

Alice Hasters ist in Köln geboren und in einem liebevollen, kreativen und bildungs-bürgerlichen Umfeld aufgewachsen, mit einer afroamerikanischen Mutter, einem weißen Vater sowie zwei Schwestern. Obwohl es ihren Eltern wichtig war, das Selbstbewusstsein ihrer Töchter zu fördern, Alice Hasters studiert hat und sie beruflich sehr erfolgreich ist, fühlt sie sich offenbar nicht wirklich als zugehörig und gleichberechtigt wahrgenommen.

 

Hasters Ton ist klar und bestimmt, aber nie aggressiv. „Wer wirklich etwas gegen Diskriminierung tun möchte, sollte bei sich selbst anfangen. Damit meine ich wirklich alle, auch mich.“ Rassismus wurde erfunden, um eine Hierarchie unter Menschengruppen herstellen und Unterdrückung moralisch rechtfertigen zu können und sei so sehr in unserem Weltbild verankert, dass wir zwangsläufig rassistische Denkmuster hätten. Wobei Rassismus nicht erst bei Angriffen und Beleidigungen, sondern bereits dann zutage trete, wenn bestimmten Gruppen spezifische Eigenschaften zugeschrieben würden, wie „Schwarze können gut tanzen“. Häufig äußere Rassismus sich auch durch unbewusste Handlungen, etwa wenn eine Frau ihre Tasche umkralle, sobald Hasters als Schwarze Frau sich neben sie setze. 

 

Hasters berichtet von der Rassifizierung, beginnend bei Aristoteles, ihren Hintergründen und Folgen bis heute. Bezüglich der aktuellen Situation bezieht sie sich sowohl auf Studien, Veröffentlichungen anderer Schwarzer Autorinnen als auch auf ihre eigenen Erfahrungen. Sie beschreibt anschaulich, wie es ist, anders auszusehen als die Mehrheit, deshalb aufzufallen und entweder besonders angeschaut und teilweise von Fremden angefasst oder aber als Individuum ignoriert zu werden.

 

Manches könnte allerdings auch anders eingeordnet werden, als Hasters das tut: Wenn sie darüber schreibt, wie sie nach ihrem Äußeren beurteilt wird und dass ausgeprägte Muskeln bei ihr als Schwarzer Frau als unweiblich bewertet würden, dann trifft das genauso auf weiße Frauen zu. Oder wenn sie berichtet, wie eine fremde Frau ihr, in einer Schlange vor einer Clubtoilette wartend, fröhlich lächelnd in die Haare fasst und: „Du hast so schöne Haare“ sagt, danach, auf Hasters (vermutlich missbilligenden) Blick hin: „Nerven sie dich? Man möchte ja immer, was man nicht hat“, was Hasters als Abwertung von Afrohaaren versteht. 

 

Es gibt auch Passagen, die schwer nachzuvollziehen sind, etwa wenn Hasters schreibt: „Wie sieht eine wohlhabende Schwarze Akademikerin aus? Ich habe kein Bild dazu, weil es dieses Stereotyp nicht gibt.“ Was ist z.B. mit Oprah Winfrey, Michele Obama, Kamala Harris oder Alexandria Ocasio-Cortez?

 

Letztendlich scheint jedoch das Kernproblem zu sein, dass selbst scheinbar privilegierte Menschen wie Alice Hasters sich in einer mehrheitlich weißen Umgebung nicht unbelastet und entspannt ihres Lebens, ihrer Schönheit und ihres Erfolges freuen können, weil sie sich nicht zugehörig und gleichberechtigt fühlen – Grund genug, sich mit ihrer Sicht der Dinge zu beschäftigen.

 

Monika Dengler, Omas Gegen Rechts, 16.11.2020 

 

Nachtrag: Mehr Informationen zu Alice Hasters und zum Buch auch in diesem Artikel des Tagesspiegel

 

 

 

 

     
   

Johny Pitts

AFROPÄISCH Eine Reise durch das schwarze Europa

Suhrkamp, 461 S., 26  €

     

Der Autor, Fotograf und Blogger John Pitts beschreibt die Erfahrungen von Generationen schwarzer Menschen in vielen europäischen Ländern. Erfahrungen, die bis heute nachhallen und ihren Alltag bestimmen: Rassismus, Demütigung, Marginalisierung und Ausbeutung.


 

Pitts ist in Sheffield als schwarzes Mitglied der Arbeiterklasse in Margret Thatchers England geboren und aufgewachsen als Sohn eines afroamerikanischen Musikers und einer englischen Mutter. Er erzählt von einem multikulturellen und -religiösen Umfeld, geprägt von Armut und Gewalt, aber auch von Gemeinschaft, Solidarität und gegenseitiger Toleranz. Anschaulich beschreibt er, wie der Neoliberalismus sämtliche solidarische Gemeinschaften unterwanderte und zerstörte, durch Gentrifizierung und Drogen beispielsweise.

 

"Afropäisch" bedeutet für den Autor „in mehr als einer Idee zu leben....ohne gemischt-dies, halb-jenes oder schwarz-anderes. „Und wo kommst du eigentlich her?“ Viele schwarze Europäer kennen diese Frage - es ist aber kein Gegensatz, schwarz und Europäer zu sein.

 

Pitts begibt sich 2016 auf eine Reise durch Europa, in alle Großstädte, das Leben schwarzer Communities zu erleben und zu beschreiben. Auf allen Stationen seiner Reise wird der Autor mit dem liberalen Selbstbildnis konfrontiert, das von der Überzeugung geprägt ist, nicht rassistisch zu sein.

 

Die Generation junger Schwarzer sieht die Generation ihrer Eltern, die sehr hart gearbeitet haben, die ein anderes Leben kannten und zB Frankreich dankbar waren. Und dann sagten sie sich: Trotz aller harten Arbeit haben sie immer noch nichts. Daher speist sich die Wut, die in den Banlieus immer wieder hervorbricht.

 

Mit John Pitts Afroeuropäisch reist die Leserin durch ein farbenprächtiges, manchmal auch tristes schwarzes Europa, brillant geschrieben, voller neuer Erkenntnisse.

 

Elke E

 

 

 

 

     
   

Monika Salzer

OMAS GEGEN RECHTS - Warum wir für die Zukunft unserer Enkel kämpfen

Droemer HC, 2019., 160 S, 12,99 €

     

 Monika Salzer, geb. 1948 in Wien, hat Psychologie und Evangelische Theologie studiert. 2017 - im Zuge des erstarkenden Rechtsradikalismus und Populismus in Österreich - gründete sie mit großem Erfolg die Facebook-Gruppe "Omas gegen Rechts" und rief zu Aktionen gegen den nahenden Wahlerfolg von Sebastian Kurz und der rechtsradikalen FPÖ auf.

 

M. Salzer beschreibt stellvertretend für viele "Omas gegen Rechts", wie sie in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Kind und Kegel auf Demonstrationen und in vielfältigen Aktionen für demokratische Grundrechte wie Demokratie, offene Gesellschaft und soziale Gerechtigkeit eingetreten ist und doch auch die vielen Errungenschaften einer freien Gesellschaft genossen hat.

 

Die "Omas... wollen nicht hinnehmen, daß eine rechtspopulistische Regierung in Österreich und überall in Europa alle freiheitlichen zivilgesellschaftlichen Errungenschaften wieder zunichte macht".

 

Erschreckend, was an neuen restriktiven Gesetzen in Österreich schon ohne viel Widerstand durchgewunken wurde!

 

2018 haben sich in Hamburg und in sehr vielen anderen Städten Deutschlands Gruppen von "Omas gegen Rechts"gegründet und sind auf allen großen Aktionen gegen Rassismus dabei, so zuletzt deutlich sichtbar in Dresden auf der großen Demonstration "Unteilbar".

 

Ein engagiertes, mutmachendes Buch, das dazu ermuntert, sich in eine der vielen Gruppen von "Omas gegen Rechts" zu engagieren.

 

Elke E

     
   

Michel Abdollahi

Deutschland schafft mich. Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin

Hoffmann und Campe, Hamburg, 2. Auflage 254 S., 18 €

     

Während der Fußballweltmeisterschaft war die Heimat des Journalisten Michel Abdollahi „ein schönes Deutschland“. „Ein weltoffenes Deutschland im Herzen der EU, dessen Menschen gemeinsam nach vorne schauten“ und in dem „sich einen Augenblick lang nicht alles um Herkunft und Heimat drehte.“ Denn: „Die Vielfalt der Nationalmannschaft hatte gezeigt, dass Integration funktionieren kann, wenn man ein gemeinsames Ziel verfolgt.“

 

Nachdem Abdollahi 1986 als Fünfjähriger ohne Sprachkenntnisse mit seiner Familie nach Hamburg gekommen war, erlebte er latente Fremdenfeindlichkeit, aber vor allem auch interkulturelle Missverständnisse. Zum Beispiel die absurde Situation einer Ostereiersuche mit Hemd und Fliege im regennassen Wald: „Auf der Einladung hatte Ausflug gestanden, das wurde zu Hause im Wörterbuch nachgeschlagen und ich dann so angezogen, wie es im Iran Sitte war, wenn Kinder auf einen Ausflug gingen.“ Auch die Idee, dass ein Hase bunte Eier im Wald versteckt haben sollte, war ihm zutiefst suspekt und die ganze verstörende Aktion endete für den vor Kälte zitternden kleinen Jungen mit vielen Tränen.

 

Heute „schafft“ ihn unter anderem, dass er trotz „vorbildhafter Integration“, deutschem Pass, norddeutschem Akzent sowie als typisch deutsch angesehenen Eigenschaften und Verhaltensweisen immer noch nicht als Deutscher bezeichnet wird, sondern als „Mensch mit sogenanntem Migrationshintergrund“ – wie auch viele andere, die bereits in dritter oder vierter Generation hier leben. Abdollahi zitiert dazu Jagoda Marinic´: „Es ist, als wollte die Kette nicht enden, nur um nicht sagen zu müssen: Aus dem Gast wurde ein Deutscher. Seine Kinder sind Deutsche. Deutsche sind plötzlich anders, als wir es kannten.“

 

Der Titel von Abdollahis Buch erinnert an Thilo Sarrazins Bestseller von 2010: „Deutschland schafft sich ab“. Es geht darin, so Abdollahi, „um die ausnahmslose Abwertung und Verteufelung ganzer Menschengruppen, die in ihrem Alltag mit dem Islam weder etwas zu tun haben noch zu tun haben wollen, aber aufgrund ihres Äußeren diesem Kulturkreis zugerechnet werden.“ Und dies, obwohl nur knapp 2 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime einer aktuellen Untersuchung zufolge Salafisten oder Dschihadisten und die meisten „Kulturmuslime“ seien, wohlintegrierte, friedliche Steuerzahler, die wollen, dass ihre Kinder in Sicherheit aufwachsen können.

 

Auch der Umgang mit der sogenannten Flüchtlingskrise beruht aus Sicht Abdollahis großenteils auf Islamophobie: Von Pegida und AfD geschürten Ängsten, die sich in Hass gegen alles Andersartige entladen und viel Bühne bekommen. Zunehmende Verrohung der Sprache, Hetzjagd auf Ausländer, Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Menschen mit ausländischem Aussehen sowie politische Morde sind die Folge. Abdollahi: „Mittlerweile haben wir ein Deutschland geschaffen, in dem Menschen anderer Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder auch anderer Ansicht auf offener Straße beleidigt, beschimpft, verprügelt, abgestochen oder erschossen werden.“

 

Im Brief an Angela Merkel findet er 2018 weitere deutliche Worte: „Dieser Staat steht an einem Scheideweg. Die Ereignisse in Sachsen sind nicht besorgniserregend, sie sind kein Warnzeichen, sie sind nicht alarmierend, sie zeigen, dass der Rechtsstaat in Deutschland in Teilen gescheitert ist und davor ist, weiter gravierend zu scheitern.“

 

Das Buch ist gut zu lesen, spannend und sehr empfehlenswert, weil Abdollahi die zunehmende Ausbreitung rassistischer und rechtsextremer Gedanken und Taten sehr faktenreich aufzeigt und deutlich macht, dass diese Entwicklung nicht nur für Migranten gefährlich ist, sondern auch alle Andersdenkenden bedroht. Michel Abdollahi benennt, was jeder Einzelne, Politik und Medien dieser Entwicklung entgegensetzen können und müssen, damit unsere freiheitliche Grundordnung erhalten werden kann. Und es ist gut, das Ganze aus seiner Sicht zu lesen, denn: „In Deutschland wird halt viel über Migranten gesprochen, aber nur in seltenen Fällen mit ihnen.“ 

 

Ich persönlich habe verstanden, dass auch gut gemeinte Fragen nach der Herkunft meiner Mitmenschen diese ausgrenzen und es allerhöchste Zeit ist für einen „Aufstand der Anständigen“ wie ihn Anja Reschke bereits 2015 in den Tagesthemen gefordert hat.

 

 Oder wie Michel Abdollahi es formuliert: „Es ist an der Zeit, die Meinungshoheit zurückzugewinnen und den Diskurs nicht länger den Spaltern zu überlassen, sondern zu zeigen, dass Deutschland ein mehrheitlich weltoffenes und tolerantes Land ist, in dem zahlreiche Kulturen friedlich nebeneinander leben.“

 

Beides bestärkt mich in meinem Engagement für die OMAS GEGEN RECHTS.

 

Monika Dengler